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Jürgen Raap
Übergangscharakter
Wandlungen der Schönheitsideale in der bürgerlichen Gesellschaft
in: Kunstforum International Band 191 Mai bis Juli 2008, Schönheit I, Seite 62 ff.

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Kunstforum international

Kunstforum Band 191 Schönheit Cover

Bühnenkulisse

Die Kunsthistoriker des 20. Jh. haben dem Historismus des 19. Jh. wegen seines Eklektizismus mangelnde Authentizität attestiert und ihm damit auch eine für spätere Generationen gültige Schönheit abgesprochen. Der Aspekt der Verkitschung wäre an anderer Stelle noch ausführlich zu behandeln. Im Sinne des Buergel'schen "Kampfbegriffs" ist die Touristenattraktion Schloss Neuschwanstein ein augenfälliges Beispiel, wie ambivalent und wie wandlungsfähig eine einmal manifestierte Auffassung von Schönheit ist.

1999 stellte der Maler und Fotograf Hubert Kretschmer in München unter dem Titel "Dem Schönen auf der Spur" großformatige Tintenstrahldrucke seiner Fotografien aus dem Schloss Neuschwanstein aus. Die Aufnahmen von der Wendeltreppe, vom Sängersaal und der Sternendecke sind bewusst verschwommen bzw. in abstrakte Farb- und Lichtstreifen aufgelöst, um "ohne Ablenkung durch naturalistische Details" die "feste Materie" in "Farben, Formen und Lichter" transformieren zu können.

Kretschmer setzt damit einer romantischen Ästhetik des 19. Jh. seine eigene, "zeitgemäße" Auffassung entgegen, wobei er "Elemente der Ma-lerei" mit Mitteln der Fotografie darzustellen versucht. Hubert Kretschmer: "Meine Bilder offenbaren keine Gestalt, sondern Energien. Sie sind Ikonen ... für Menschen mit dem schnellen touristischen Blick". Die Arbei-ten "konfrontieren uns mit Aggregatszuständen von Wirklichkeit, mit Emotionen, und spiegeln uns schwebende, flüchtige, kaum greifbare Zustände wieder." (14)

Die Neuschwanstein- und Ludwig-vibrations

Die architektonische Platzierung des Schlosses in der alpinen Landschaft und seine Inneneinrichtung geschah ab 1869 nach dem Prinzip einer theatralischen Kulissenhaftigkeit. König Ludwig II. von Bayern hatte den Ar-chitekten Eduard Riedel beauftragt, einen Bau "im echten Stil der alten deutschen Ritterburgen" zu errichten. Der Architekt nahm sich dabei den Grundriss der Eisenacher Wartburg als Vorbild, und nach seinen Entwürfen musste der Bühnenmaler Christian Jank kolorierte Ansichten liefern. So folgte die bauliche Umsetzung von Anfang an einer Bühnenbildhaftig-keit, die auch noch die späteren Bauphasen prägte, als der wankelmütige König nach der Ablösung Riedels die architektonische Leitung in andere Hände legte. Doch genau diese spätromantische Auffassung von insze-nierter Räumlichkeit in der Landschaft, die bis heute noch jeder Postkartenfotograf darbietet, zerstört Hubert Kretschmer in seinen "Neuschwanstein vibrations". ...

.... und weiter geht es dann im Text über Arbeiten des niederländischen Künstlers Jan Worst und die Malerei von Neo Rauch.

(14) Pressetext zur Ausstellung H. Kretschmer, BMW-Niederlassung München, März 1999